Eurotunnelvon E.A.Richter und Waltraud Palme
Lyrik
mit 20 Abbildungen in Duplex nach Collagen von Waltraud Palme
128 Seiten, geb. mit Schutzumschlag, 26 x 18 cm, € 23,00

ISBN-10: 3-901117-80-6; ISBN-13: 978-3-901117-25-1

E. A. Richter ist ein Lyriker, der nichts dem Zufall überlässt. Er arbeitet mit Bedacht an seinen Gedichten, gibt ihnen Form, Sprache und Rhythmus, und - was sie vor anderer Gegenwartslyrik auszeichnet - sie verzichten auf die Ausbeutung der Gefühle zugunsten einer Intensivierung der Gedankenwelt und der Genauigkeit der Wahrnehmung.
(A.Thuswaldner)

Textprobe
NIEMAND (EUROTUNNEL 1)
niemand, den ich kenne, ist hier.
Jeder, der hier ist, kennt mich nicht.
Einige reden, Kinder murmeln im Schlaf,
mit dem Kopf auf dem Esstablett.
Euro-Lille. Rauschen im Tunnel. Hin und wieder
Maschinengeräusch, Holpern und Hämmern.
Schlagend entfernt sich Gonesse, mit den Seufzern der Toten.
Concorde: schöner weißer Vogel, der aufflog,
um sofort Feuer zu fangen:
Schock, der alle erfasst, noch auf dem Kontinent.
Wolframpartikel, Quantenmechanik,
Quarks, Leptonen, Standardmodell:
Billionen Neutrinos, durchblitzen mich jede Sekunde,
auch im Rückblick durch die Jahrzehnte,
auf Nietzsche, den jungen: plötzlich neben mir,
unmerklich einem Netzhaut-Sternchen entsprungen.
Und ich: in keiner Nacht des durchsickernden Wahns,
in keiner Postkutsche im Sturm, wie er.
Keine Spaziergeh-Existenz, kein heftiges Erbrechen,
nur unter Wasser, im Tunnel.
Etwas Druck in den Ohren, ich muss schlucken.