Nichts wird dir fehlenvon Bernadette Schiefer

Prosa
96 Seiten, geb., 20 x 13 cm, € 14,00

ISBN-10: 3-901117-81-4; ISBN-13: 978-3-901117-81-7

Bernadette Schiefer ist eine vielseitig begabte junge Schriftstellerin. Mit einem außergewöhnlichen Gespür für sprachliche Feinheiten trifft sie immer den richtigen Ton. Poetisch oder nüchtern eindringlich greift sie Situationen des Lebens auf, die sie gekonnt in Kurzgeschichten verpackt.

Textprobe
Überall ist besser als hier, hatte er gesagt, und die Mutter hatte geweint. Und dieses eine Mal hatte er kein Mitleid mit ihr gehabt. Ich wäre gern ein fröhliches Kind gewesen, dachte er jetzt, unbeschwert und neugierig wie ein geschlüpfter Schmetterling. Er hatte als Kind schon die Geschichten geliebt, in denen der Vater den Sohn an der Hand nahm und ihm die Welt erklärte, wie die Sterne stehen und warum der Mond zu- und abnimmt, wer Wotan war und was es mit Fliegenfischen auf sich hatte. Als er das erste Mal seinen Sohn im Spitalsbettchen inmitten der anderen schreienden Säuglinge gesehen hatte, hätte er beinahe geweint. Er hatte so etwas wie Ohnmacht gefühlt, Ohnmacht und Wut, von der er nicht wusste, woher sie kam. Es ist der Krieg gewesen, hatte seine Mutter später behauptet, der Krieg hat dir deinen Vater genommen. Vor dem Krieg wäre sein Vater ein anderer gewesen, sanft und ruhig. Dann war er in Russland, sagte sie. Er hat sie immer gesehen, sagte sie. Die Toten.
Ich bin erst fünfzehn Jahre nach dem Krieg geboren, hatte er gesagt. Das war nicht der Krieg. Sein Vater war zweiundvierzig, als er geboren wurde, fast so alt wie er bei der Geburt seines ersten Sohnes. Was war in diesen fünfzehn Jahren geschehen? Man konnte dem Vater kein Wort entlocken, kein Wort über den Krieg: als hätte der nie stattgefunden, als hätte er ihn nie erlebt. Selbst jetzt noch, vorige Woche, als er sich überwunden und mit dem Kleinen und seiner Frau zu seinen Eltern gefahren war, alte, schwächliche Leute, und er ihn gefragt hatte, wo warst du im Krieg, Vater, hatte der sofort das Thema gewechselt. Als hätte man ihn beleidigt, als wäre man ihm zu nahe getreten. Da tat er ihm leid. (Aus der Erzählung: Herrgottswinkel)