Die Erde trägt ein Kleid aus Worten. Reisesplitter und Passepartoutsvon Beatrix M. Kramlovsky

Prosa und zahlreiche Tuschezeichnungen von B. M. Kramlovsky
175 Seiten, steifer Einband, 15 x 22 cm; € 17,90

ISBN-10: 3-901117-82-2; ISBN-13: 978-3-901117-82-4

Heimat und Fremdsein, Ankommen und Fortgehen - das sind die zentralen Themen dieses außergewöhnlichen Buches. Schon in ihren früheren Publikationen hat sich die Autorin mit diesen Themen auseinandergesetzt, noch nie jedoch so unmittelbar und bedingungslos. Die Reisen in die verschiedensten Teile der Erde erlebt sie offen, hinterfragend und als ein Geschenk für sich selbst. Eindrücke exotischer Kulturen und deren Besonderheiten, ihre Reise-Begegnungen und Freundschaften - vor allem mit Frauen - bringt sie mit nach hause, in die Heimat. In all ihren reisenden Jahren entstanden nicht nur fiktive Prosa und Beschreibungen, sondern auch Bilder, flüchtige Tusche-Zeichnungen, Reiseimpressionen, Augenblicke des Innehaltens im Unterwegssein. Und der Begriff Heimat wurde zunehmend identifizierbar mit einem offenen Landstrich, welcher der Schriftstellerin in den letzten Jahren zum Wohnort, zur Raststätte wurde, dem niederösterreichischen Weinviertel, von wo sie wieder aufbricht zu neuen Erkundungen.

Textprobe
„Woher kommen Sie?" Achtundneunzig Einwohner, zweihundert Hunde, ein paar tausend Schafe. Fast keine Jugendlichen, mit spätestens 18 wollen sie weg, vielleicht bis nach York. Aber das Ziel aller Träume ist London. Touristen kommen nach Fountain Abbey in Yorkshire, aber bis zu ihnen verirrt sich niemand. Sommer 1975, ein ungewöhnlich heißer Juli in England. Ohne eigenes Auto hat man Probleme, die nächste Siedlung schnell zu erreichen. Lastwagenfahrern werden Einkaufslisten mitgegeben, die erledigten Besorgungen dann auf dem Platz vor der kleinen gotischen Kirche, wo sich alle treffen, abgestellt. Der Postwagen kommt alle zwei Tage, wird von der Mutter meiner Brieffreundin Caroline erwartet, sie verwaltet Stempel und Marken, hütet die Lieferungen in ihrem Wohnzimmer. Abends schleppt sie die Kassa hinauf in den ersten Stock ihres Häuschens, schiebt sie unters eheliche Bett. Der Vater ist Hirte, stocktaub, und wir wissen beide nicht, was wir miteinander reden sollen. Abends sitzt er vor dem elektrischen Kaminfeuer, liest die Zeitung, während ein Collie zu seinen Füßen schläft. Er lächelt mich manchmal an, wenn ich ein Gespräch versuche, aber er richtet nie das Wort an mich.